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Unser Redebeitrag zu Enthüllung des Mahnmals für Zivilcourage und gegen Homophobie der Initiative Peter Hamel am 14.09.2022

„Wenn wir darüber sprechen, dass Mitgliedern einer gesellschaftlichen Gruppe Gewalt angetan wird, sind wir schnell dabei diese Gewalt zu vereinzeln. Wir suchen nach Gründen, warum dieses oder jenes Individuum jetzt und in diesem Moment zum Täter wurde – Alkoholkonsum, Elternhaus, mangelnde Impulskontrolle, ungünstige Umstände. Oft schreiben wir auch den Opfern eine Mitschuld an dem zu, was ihnen angetan wurde – Provokation, auffälliges, normabweichendes Verhalten, das dem Täter keine andere Wahl ließ als sich zu verhalten, wie er es tat. Selten sprechen wir über das Hintergrundrauschen der Gewalt in Normen und Wertvorstellungen, die diesen Taten den ideologischen Weg bereiten. Und wenn, dann sind wir eifrig wieder dabei uns unliebsame Weltanschauungen zu instrumentalisieren mit denen wir sowieso eine Rechnung offen haben. Wir kehren immer wieder unseren Blick auf das Besondere, das Abweichende, das in Anführungszeichen Unnormale, wenn wir nach Antworten auf die Gewaltfragen suchen. Doch Gewalt ist nicht besonders, abweichend oder unnormal. Sie ist fester Bestandteil und Ausdruck von dem, was für uns selbstverständlich ist. Wie die Luft die wir Atmen, durch die wir uns bewegen, die unsere Sprache von einem Mund zum anderen Ohr trägt, aber an die wir nie denken, außer wenn sie uns ausbleibt, mit Gestank durchsetzt ist oder uns abgeschnürt wird, ist die Gewalt oft unsichtbar und gleichzeitig undurchsichtig. Peter Hamel ist gestorben, weil er sich couragiert zwischen drei Männer und ihre zwei ebenso männlichen Opfer stellte – zwei schwule Männer, die sich heimlich an einem Ort zum Cruisen treffen mussten, da die Gesellschaft sie nicht akzeptierte und sogar noch sanktionierte. Diese Sanktionen waren damals auf der einen Seite noch die Rechtlichen in Form des §175. Auf der anderen Seite der Medaille stehen die außergerichtlichen Sanktionen. Die Anfeindungen und Verdächtigungen im Alltag, ebenso wie die Gewalt der drei Täter, die kamen um „Schwule zu klatschen“. „Schwule klatschen“, also schwule Männer als Freizeitbeschäftigung heimzusuchen und zu terrorisieren. Wie kommt Mann auf so eine Idee? 

Instinktiv wollen wir an dieser Stelle in die Psyche der Täter hinabsteigen und die individuellen Gründe suchen, vielleicht sogar Entschuldigungen im Gewand von Erklärungen. Doch Menschen – und im speziellen Männer – üben nicht Gewalt aus, weil ihre Psyche beschädigt ist. Es stimmt das Umstände berücksichtigt werden müssen, sogar über Intensivität entscheiden können – wie könnte es auch anders sein. Doch wir sollten uns bei diesen Ausdrücken gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit nicht davon vernebeln lassen. Warum sind es immer wieder heterosexuelle Männer, die antihomosexuelle und queerfeindliche Gewalt ausüben? Ist es wirklich nur Testosteron und „männliche Natur“ (wo wir wieder bei entschuldigenden Erklärungen wären)? Ist es wirklich nur eine unvorteilhafte Erziehung (wo man oft wieder den Erziehenden (zumeist Frauen) die Schuld dafür gibt)? Viel mehr liegt es in der Frage „wann ist ein Mann ein Mann?“ begründet, die sich Männer immer wieder stellen. Männlichkeit – und ich spreche hier nicht von einem Ausdruck in Genitalien, Chromosomen oder Bartwuchs – ist nicht naturgegeben. Männlichkeit ist aufgebaut aus einem Verständnis der Vorherrschaft über alles nicht-männliche. Die Männlichkeit versteht sich als beschützend und versorgend, sagt der Volksmund. Männer sollen stark sein, unnachgiebig, Initiative zeigen und sich nehmen, was sie brauchen – was ihnen zusteht. Doch was passiert, wenn solche naturalisierten Eigenschaften kippen? Was passiert, wenn der Mann die bloße Existenz von etwas das er als falsch und unnatürlich erachtet, sieht? Er versucht mit den durch Männlichkeit zugestandenen Mitteln diese Ordnung wieder herzustellen. Sei es indem er anderen das Wort nimmt, sei es indem er eine Frau verbal beleidigt die aus ihrer traditionellen Rolle tritt, oder indem er mit seinen Freunden abends loszieht um „Schwule zu klatschen“. Die Herrschaftsverhältnisse gaben den Männern die Vorherrschaft und die Freiheiten ihre Macht einzusetzen, um den Erhalt der Verhältnisse zu gewährleisten. Sie zwingen Männer damit in den Kampf gegen die Abweichenden und auch gegen sich selbst. Ist das alles, was dazu gehört? Sicher nicht, dafür fehlt hier die Zeit.

Ich habe am Anfang beschrieben, dass Gewalt gesellschaftlich „normal“ sei, facettenreich daherkommt, brutal wie subtil. Aber die Norm muss nicht bestehen bleiben. Das Normale bildet sich aus dem Kollektiv. Dieses ist nicht nur aus der Gesamtheit unserer Individualitäten bestimmt, sondern leitet sich aus den geschichtlich und natürlich gewachsen Voraussetzungen für unser Leben ab. Es sind gesellschaftliche Machtverhältnissen (Hallo Patriarchat, Hallo ungleiche Besitzverteilung, Hallo Profitmaximierung) die uns ordnen und uns nicht nur über Männlichkeit dazu bringen uns ihnen immer wieder unterzuordnen. Die Überwindung von Menschenfeindlichkeiten wie Homosexuellen-, Queer- und Transfeindlichkeit oder die Unterdrückung der Frauen, werden nicht mit der Veränderung einzelner Männer erreicht, nicht mit einzelnen Akten von Zivilcourage und nicht mit liberaleren Gesetzen – so hilfreich, nötig, und unabdingbar sie für den Moment auch sind. Wir können sie nur erreichen, wenn wir uns über die Rollen und Gegebenheiten, die zur Unterdrückung beitragen bewusstwerden, diese in uns reflektieren und systematisch und organsiert bekämpfen. Lasst uns dieses Mahnmal zum Anlass nehmen, der Opfer zu gedenken, sie dem Vergessen zu entreißen und in eine Zukunft zu gehen in der wir nie wieder eines errichten müssen. Vielen Dank an die Initiative Peter Hamel für eure Arbeit mit der ihr diesen Meilenstein gesetzt habt.“ 

Bilder des Mahnmals findet ihr auf unserem Instagram Account oder besucht das Mahnmal am Raiffeisenplatz in Osnabrück.

Posted in 2022, Queerness, Reden.